Gewaltexzess im Olympiastadion – Polizei Berlin verstrickt sich weiter in Widersprüche

Nach der gewalttätigen Eskalation der Polizei Berlin im Rahmen des Heimspiels gegen Gelsenkirchen am 17.01.26 wurde beim vergangenen Heimspiel am Sonntag gegen Darmstadt nun ein gefühlter erster Schritt der Deeskalation durch die Polizei im Heimbereich unternommen. Die weiterhin im Dienst befindliche Einsatzleitung verschaffte sich dabei persönlich einen Eindruck vor Ort und konnte sich somit selbst davon überzeugen, dass Absprachen zwischen dem Verein und den Fans funktionieren. Zum ganzen Bild gehört jedoch auch, dass es erneut zu Provokationen und Übergriffen der Polizei am Gästeeingang kam. Nach den uns vorliegenden Schilderungen wurde dabei mindestens ein Gast-Fan durch direkte Polizeieinwirkung im Gesicht verletzt. Dieser Vorfall reiht sich ein in zahlreiche Übergriffe gegen Gästefans durch die Polizei Berlin, welche wir bereits vor Kurzem benannt haben. Die von der Polizeipräsidentin groß angekündigte Deeskalation ist somit nur halbherzig durch die Beamten vor Ort umgesetzt worden. Ein Zustand, der zahlreiche Fragen zur Glaubwürdigkeit sowie zur Durchsetzungsfähigkeit eigener Ansprüche in Richtung der Polizeiführung aufwirft.

Gleichwohl lässt sich eindeutig feststellen, dass die Polizei Berlin bereits in den vergangenen Tagen und Wochen öffentlich massiv an Reputation eingebüßt hat. Die seit dem 17.01.26 immer neuen und sich widersprechenden vorgebrachten angeblichen Gründe für den Gewaltexzess der eingesetzten Beamten am Zugang zur Ostkurve haben die bislang ohnehin schon mehr als fragwürdige Qualität der Öffentlichkeitsarbeit der Behörde noch einmal weiter herabgestuft.

Als erste Begründung nannte die Polizei Berlin noch am Samstagabend (17.01.26) in einer Stellungnahme, die in den Sozialen Medien verbreitet wurde, dass “Kollegen nach Beleidigung von vermummten Fans u. a. mit Absperrgittern beworfen und mit Schlagwergzeugen attackiert worden sein” sollen. Waffen oder ähnliche Gegenstände gehören bekanntlich nicht zu den gängigen Gegenständen, die Fans im Stadion bei sich tragen (dürfen). Ebenso ist bislang nicht bekannt, mit welchen Informationen die Polizei diese Aussage unterlegt. Von den angeblich eingesetzten Schlagwerkzeugen, die als Grund für den Einsatz genannt wurden, ist bis heute, außer in dieser Mitteilung durch die Polizei selbst, auch nie wieder die Rede gewesen. Die angeblich fliegenden Absperrgitter sind bislang ebenso nicht belegt und es ist für uns Stand heute weiterhin nicht nachvollziehbar, wie es zu diesen Vorwürfen gekommen ist.

Am Sonntag nach dem Spiel veröffentlichte die Polizei Berlin dann unter dem öffentlichen Druck eine weitere ausführliche Stellungnahme. Diese ließ nicht nur wesentliche Fragen beispielsweise zum Einsatz am DRK-Krankenhaus Westend offen, sondern wich auch in der darin vorgetragenen Begründung des Einsatzes im erheblichen Maße von den Ausführungen am Vorabend ab. Demnach sollen sich “auf Hinweis eines unbekannt gebliebenen Fans etwa 100 Personen der Fanszene von Hertha BSC im Blockzugang zur Ostkurve versammeltund Schutzbewaffnung in Form von Handschuhen und Vermummung angelegt haben.Bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt gehören Handschuhe, Schals, Schlauchtücher und Mützen zu alltäglichen Gegenständen. Uns ist ebenso völlig unerklärlich, wie die Polizei darin eine Schutzbewaffnung erkennen kann. Ebenso soll laut Polizei-Stellungnahme “ein Schalke-Fan, der sich mutmaßlich im Blockzugang zur Ostkurve verirrt habe, körperlich attackiert worden sein“. Nach ausführlicher Recherche unsererseits lässt sich hier nun feststellen, dass es diesen Schalke-Fan, der offensichtlich nicht der Gast-Fanszene zuzurechnen war, im Heimbereich tatsächlich gegeben hat. Jedoch anders als von der Polizei dargestellt, wurde der anwesende Ordnungsdienst des Vereins mehrfach durch Herthafans darauf hingewiesen, dass der Heimbereich nicht der vorgesehene Aufenthaltsort für diese Person sei. Dies ist unter anderem in der Stadionordnung auch so festgelegt. Von einer körperlichen Attacke auf diesen Fan, die als Begründung für einen derartig gewalttätigen Einsatz herhalten kann, ist uns jedoch weiterhin nichts bekannt. Im Zusammenhang mit dieser Situation führt die Polizei in ihrer Stellungnahme dann noch aus, dass “im Verlauf der polizeilichen Unterstützungsmaßnahmen Teile der gewaltbereiten Hertha-Fanszene versuchten die Gitter des Blockzugangs gewaltsam zu schließen, um offenbar Polizeikräften den Zugang zu verwehren. Darüber hinaus kam es zu zahlreichen Glas- und Plastikflaschenwürfen auf Polizeieinsatzkräfte aus der Menschenmenge heraus mit Treffern.” Das Zuziehen eines Tors am Zugang zur Ostkurve durch Fans ist in öffentlich einsehbaren Videos dokumentiert. Das gewalttätige Eingreifen der Einsatzkräfte jedoch damit zu begründen ist nicht nachvollziehbar, da dieses Tor jederzeit auch wieder beispielsweise durch den vor Ort befindlichen Ordnungsdienst hätte geöffnet werden können. Gleichzeitig hat es, wie beschrieben, den von der Polizei genannten Grund (Angriff auf Schalke-Fan) nicht gegeben. Bis heute ist ebenso völlig unklar, wie die Polizei darauf kommt, dass zahlreiche Glasflaschen auf ihre Einsatzkräfte geflogen sein sollen. Offensichtlich ist ihnen diese Behauptung auch zu heikel geworden. Anders ist es nicht zu erklären, dass dieser Umstand, außer in dieser Mitteilung danach nirgendwo mehr erwähnt worden ist. Nachfragen dazu, beispielsweise im Innen- und Sportausschuss des Abgeordnetenhauses, blieben ebenfalls unbeantwortet.

Rund eine Woche nach den bisherigen Begründungsversuchen legte die Polizeipräsidentin höchstpersönlich im Rahmen der Sitzung des Innenausschusses eine weitere Kehrtwende hin und führte nun aus, “es gab einen Fan der Schalke-Szene, der körperlich angegriffen wurde“. Mit der angeblichen Zugehörigkeit zur Gast-Fanszene wird hier durch die Polizeipräsidentin offensichtlich versucht, diese Geschichte irgendwie plausibel klingen zu lassen. Wie oben jedoch ausgeführt, entspricht dieses kleine, aber feine Detail definitiv nicht unserem Kenntnisstand. Ebenso wäre es mit Blick auf unsere bisherigen Erfahrungen nicht realistisch, dass sich ein offenkundig erkennbares Mitglied der Gast-Fanszene unentdeckt bis in den Kurvenbereich verlaufen könnte. Die Polizeipräsidentin erläuterte weiter, dass es im Mundloch “noch den Versuch gab, das Tor zu schließen, den Rettungsweg für 15.000 Menschen. Das konnten wir nicht einfach geschehen lassen und dann kam es zu diesen Auseinandersetzungen.” Wie öffentlich bekannt, hat der untere Kurvenbereich jedoch nur rund 7.200 Plätze. Zum beschriebenen Zeitpunkt sind diese Plätze nicht einmal zur Hälfte besetzt gewesen. Ebenso gibt es zwei weitere Zugänge zur Kurve, die im Bedarfsfall ebenso als Rettungswege genutzt werden können. Und wäre es den Einsatzkräften wirklich darum gegangen, den Rettungsweg schnellstmöglich frei zumachen, hätten sie sich aus der auf öffentlich zugänglichen Videos sehr gut zu erkennenden Situation ganz einfach zurückziehen können. Denn der Ordnungsdienst war vor Ort und hätte ein paar Minuten später das Tor wieder öffnen können. Jedoch stürmten die Einsatzkräfte in das Mundloch und sorgten mit ihrem Gewaltexzess dafür, dass dieser Bereich über einen langen Zeitraum blockiert war und somit als Ergebnis des eigenen unverhältnismäßigen Einsatzes nicht als Rettungsweg genutzt werden konnte.

Alle bislang durch die Polizei Berlin vorgetragenen Erklärungsversuche für ihren gewalttätigen Einsatz lassen sich eindeutig entkräften. Ebenso ist es für eine Behörde, die an Wahrheit und Recht gebunden ist, mehr als abenteuerlich, dass mehrere unterschiedliche Begründungen als Rechtfertigungsversuche verbreitet werden. Dass sich nach der Polizei-Pressestelle auch die Behördenleitung persönlich an diesem Trauerspiel beteiligt hat, ist dann noch die Krönung dieses Vorgangs.

Nach den großen Versprechungen von Innensenatorin Spranger sowie von ihrem Staatssekretär in den vergangenen Tagen warten wir weiterhin auf eine faktenbasierte Aufklärung durch die Polizei Berlin. Es ist in unseren Augen ein unhaltbarer Zustand, dass die Behörde samt ihrer Leitung seit über zwei Wochen versucht, die Öffentlichkeit an der Nase herumzuführen. Daher bleiben wir dabei: Ohne eine öffentliche Richtigstellung der Vorkommnisse sowie ohne personelle Konsequenzen im Polizeiapparat fehlt es schlicht an der notwendigen Glaubwürdigkeit aufseiten der Polizei, um eine Rückkehr zur Deeskalation im und am Olympiastadion ausrufen zu können.

Quellen:

– Polizeimeldung vom 17.01.26, https://x.com/polizeiberlin/status/2012640824408903936?s=46&t=-Cd7V5zK8i6v479-A0soUQ

– Polizeimeldung vom 18.01.26, https://www.berlin.de/polizei/polizeimeldungen/2026/pressemitteilung.1634658.php

– Aussagen der Polizeipräsidentin vom 26.01.26, https://www.youtube.com/watch?v=ndd37UqEOR8